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Artist in Residence
Künstlerdorf Schöppingen

16.11.2019 - 4.1.2020
Rtsch ffft
gr_und, Berlin


Johannes Mundinger
studio adress:
c/o Urban Spree
Revaler Str 99
10245 Berlin

Germany

oo49 (o) 179 748 o2 81
post@jmundinger.de

Johannes Mundinger, painting, Berlin
Impressions from my exhibition Unterm Nebel at Urban Spree Galerie, Berlin

UNTERM NEBEL
below the fog

4th - 20th March, Urban Spree Galerie, Berlin
Tuesday - Sunday, 12 - 7pm Uhr

Opening: Friday, 4. March from 7pm 19 Uhr, Introduction by Lars Hering
Finissage: Sunday, 20. March from 6pm, with concert by Ori


The impressions we have aren´t reliable, it was a lifetime ago and now we have vague feelings of atmospheres, colours and smells; everything else remains inside a dense fog that psychiatry calls the consciousness.

There are a few images that remain in our memory, from our early years we don't remember them but they form us. Our behaviours, our personalities and our lives all rely on those things we think we have forgotten.
 
Mundinger uses these fragments that are left, he plays with these early influences of images blurring into memories addressing the canvas as if he would recall a moment locked in his own mind capsule.
Mundinger plays with the repetition of reality as every painter does yet he explores intuitive gestures and unconscious sequences that gives a detached feeling to the works and allows the viewer to play with their own set of aesthetic beliefs.

(Penny Rafferty)

Johannes Mundinger, Ausstellungsansicht, Urban Spree Galerie, Berlin

Zur Einführung sprach Lars Hering:

Johannes Mundinger setzt sich in den Bildern der Ausstellung "Unterm Nebel" mit den eigenen Erinnerungen und den darunterliegenden psychologisch-neurologischen Mechanismen von interner Repräsentation auseinander. Ausgehend vom Phantasma der frühesten Kindheitserinnerungen erstellte Mundinger seit Dezember 2015 in einem intensiven Arbeitsprozess eine neue Werkreihe, die er mit "Unterm Nebel" das erste Mal präsentiert.

Die bildnerischen Äußerungen seiner Introspektion treten uns in unterschiedlichen medialen und dimensionalen Ausformungen entgegen. Von kleinen Arbeiten auf Papier, auf der jeder Punkt der verwendeten Spraydose Bedeutung proklamiert, bis zur 7x12 Meter großen Wandmalerei an der Fassade des Galeriegebäudes, versucht der Künstler seinen, nicht in Metern oder Millimetern messbaren, Gedankenbildern nahe zu kommen.

Die einzelnen Werkgruppen, ob auf Leinwand, Papier, Molton oder der Backsteinwand, besitzen ein jeweils eigenständiges Narrativ. So erzählt jedes Material von einer jeweils unterschiedlichen Komprimierung von Zeit und Zuständen während des Arbeitsprozesses. Von recht schnelllebigen, ephemeren Zuständen auf den kleinen Papierarbeiten, über große lastende Erinnerungen und Emotionen auf den Leinwänden und im Wandbild, bis zur letzten Kondensierung auf den Stoffbahnen, können wir uns den Geisteszuständen des Künstlers nähern.

Lars Hering - zur Eröffnung

Der Ausstellungstitel erzählt von einem undurchdringbaren Nebel in dem es keine Erinnerung gibt, die Arbeiten hingegen versuchen uns von jenen Dingen zu berichten auf die sich der Nebel noch nicht gelegt hat. Die Welt, die sich uns allen unter dem bedrohlichem Dunst des Vergessens darbietet, ist aber alles andere als eindeutig und klar. Wir befinden uns zwischen Räumen und Zeiten, Erlebnissen und Projektionen und suchen vergeblich nach einem Plateau in uns, von dem aus wir möglicherweise Übersicht oder so etwas wie Gewissheit über die Welt hinter unseren Augen erlangen können. Die Bilder, mit denen der Künstler uns konfrontiert,  zeigen sich dazu entweder entschieden farbgesättigt oder bis ins Monochrome zurückgezogen, was seine Gedankenwelt umso schwieriger fassbar und nicht weniger grotesk erscheinen lässt.

Die visuelle Sprache, die sich durch alle Ausstellungselemente hindurchzieht, artikuliert sich am deutlichsten in der Fragmentierung und den sich überlagernden Bildebenen. Die darinliegenden Realitätsebenen aus Situationen, Atmosphären, Farben, Gerüchen, Dingen und Personen existieren hier neben- und übereinander. Sie laufen Gefahr sich in einem Camouflage der Erinnerungen zu verstricken, in dem sie sich vor dem direkten Zugriff durch unser Denken tarnen. Dies tritt besonders deutlich in der Konzentration der Formen und Farben im Gemälde "Unterm Nebel" zutage. Wie in vielen anderen Arbeiten deutet "Unterm Nebel" eine Bewegung an - den Prozess der völligen Überlagerung - der sich in jedem von uns von ganz alleine zu vollziehen scheint. Wie in einem dichten Wald sind die einzelnen Elemente darin nicht mehr ohne weiteres voneinander trennbar.

Das Sinnbild von der Camouflage ist auch für ein Verständnis unserer Erinnerung hilfreich. Eine Tarnkappe, die den natürlichen Schutzmechanismus unseres Hirns beschreibt. Wir erlauben uns alle hin und wieder den Gedanken, wir wüssten zumindest genau was wir erinnern - aber wären alle unsere Erlebnisse permanent individuell präsent, würden wir nur noch wippend auf einem Stuhl sitzen und uns mit geschlossenen Augen eine Faust gegen die Stirn pressen - und würden hoffen, dass es endlich aufhört.

Johannes Mundinger, painting, Berlin

Ich schlage vor, wir sollten uns unsere Erinnerung eher wie einen großen unbeleuchteten Kleiderschrank vorstellen, in den wir nach und nach recht achtlos unsere Erlebnisse hineinwerfen. In diesem Schrank befindet sich ein wilder Haufen aus Erlebnisebenen, die ungeordnet übereinander zu liegen scheinen. Jetzt darf man aber nicht glauben, dass man eine Erinnerung, wenn man sie nur lange genug sucht, im gleichen Zustand wiederfindet und abrufen kann, wie man sie hineingeworfen hat.
Unser Kleiderschrank ist kontaminiert. Von unseren Vorstellungen davon, wie wir und unsere Umwelt zu funktionieren haben: Ideologie, Moral, Ethik, Religion, allein die Unschärfe unserer Sinne, das Unwissen über die Funktionen unseres Hirns, die Bequemlichkeit des Nicht- Denkens, der Schlund der Verdrängung und die Mauern des Unterbewusstseins, sind die Motten in unserem Kleiderschrank, die uns Löcher in unsere Realitätskonstruktion fressen. Jedes Erlebnis wird von diesen Automatismen verändert und löchrig gemacht.

Wenn wir dann mit dem Licht unseres Denkens durch diesen zerfressen Haufen leuchten, dann stelle ich mir vor, eine multidimensionale Carmouflage zu sehen – Und dann kann ich mir auch Johannes vorstellen, wie er für diese Arbeit mit der Taschenlampe seines Denkens in diesem Schrank saß und nach und nach diese Arbeiten hervorgebracht hat.

Wir sehen hier unregelmäßig zerfressene Ebenen, die das Tatsachengefüge seiner Erinnerung nur noch in Fetzen unterschiedlicher Textur, Farbe und Transparenz erscheinen lassen, die sich überlagern und bereits durch einen kurzen Moment der Unaufmerksamkeit im Nebel verschwinden können.

Johannes Mundinger, exhibition view, Urban Spree Gallery, Berlin

Ich sehe ihn ebenfalls bei der minuziösen Arbeit als Archäologe seiner Erinnerung im Nebel arbeiten. Die Vergangenheiten kleben aneinander und müssen vom Nebel und voneinander abgeschabt werden, damit die Form der Erinnerung eines Erlebnisses wieder annähernd der Form des Erlebten entspricht. Diesem Sinnbild kommen die Stoffbahnen am nächsten, die nur noch verblassende Schatten von komplexen Ereignissen erahnen lassen. Sie liegen auf der Grenze zwischen dem dichten Nebel und der inneren Erfahrbarkeit. Es ist die Konzentration auf jene Stellen im Erinnerungsgefüge, die schon fast verloren sind, die keinen deutlichen Inhalt mehr vermitteln können, aber mit Gewissheit Teil des Künstlers sind. Nurnoch monochrome Flächen, schemenhafte Konturen, vielleicht ein paar Staubkörner in der Luft...Wenn man es nicht besser wüsste, würde man versuchen hindurchzugehen.

Johannes Mundinger kommt aus der Streetart. Wenn man sich heute mit ihm über seine Arbeiten unterhält merkt man jedoch, dass diese Herkunft nun mehr ein Verweis und kein Ziel mehr darstellt.

Seit seinen Anfängen in der Streetart spielt die Wiederholung eine wichtige Rolle. War sie in den Straßen notwendig, um mit seiner Arbeit wiedererkannt zu werden, scheinen die Wiederholungen in dieser Arbeit unausweichlich, an einigen Stellen fast unangenehm zu sein. Manche Orte, Dinge, aber vor allem Menschen sind einfach unfassbar tief und fest mit uns verknüpft - wie ein wohl gewachsener Schimmelpilz unter der Tapete sitzen sie idiotisch stur im Netz unserer Gedanken. So begegnen wir in Mundingers Bildern gelegentlich anonymen Silhouetten, die auf solche Schimmelpilz-Menschen schließen lassen.

Johannes Mundinger, painting, Berlin


Sehr prägnant erscheint immer wieder das Plateau in den Bildern, das als elementare Andeutung auf eine Räumlichkeit durch Kontrastkanten die reine Flächigkeit negiert und den Betrachter ins Bild holt. Es ist gleichzeitig das Plateau, auf das Mundinger sich mit dieser Arbeit begeben hat, um nach den verschollenen Erinnerungen Ausschau zu halten. Das Plateau als Position der Kontrolle, wie Michel Faucoult es für das Panoptische Gefängnis beschrieben hat, ermöglicht es einer einzigen Person, durch die endgültige Übersicht, alle Insassen gleichzeitig zu überwachen.

Die Plateaus des Künstlers erinnern aber eher an jene verwirrenden Orte, die im gleichnamigen Song der Meatpuppets besungen werden und genauso gut ein Szenenbild von einem Samuel-Becket-Stück sein könnten.

Ein Vers aus dem Lied klingt:
There's nothing on the top but a bucket and a mop
And an illustrated book about birds
You see a lot up there but don't be scared.

Who needs action when you got words.

Wir haben hier keinen Eimer mit Mob oder ein illustriertes Vogelbuch, aber die Zeile: Du siehst viele von dort oben, habe aber keine Angst - kommt meiner Vorstellung von den Gedanken auf diesen Plateaus in den Bildern von Johannes sehr nahe. Denn wenn der Künstler mit dieser Ausstellung alles von sich sehen und zeigen möchte, muss er sich bis an den äußersten Rand der Übersicht heranstellen, an der keine Balustrade befestigt ist, die ihn vor dem Abgrund schützt.
Das hat er getan, und aus dieser genuin künstlerischen Geste erwächst die hohe Qualität dieser Arbeiten.

Johannes Mundinger, painting, Berlin

Als nach Außen hin sichtbarer Teil der Ausstellung entstand dieses Wandbild, auf der Fassade der Galerie: